Fin, ein Junge der lange Zeit immer wieder woanders war – oder Hochsensibilität als Lebensstrategie

Fin ist ein zarter Junge, der an vielen Dingen interessiert ist. In Klasse 1 war er unruhig und konnte sich schlecht auf seinem Stuhl halten, rutschte auf den Boden und spielte Katze, miaute und strich dann oft an meinem Hosenbein vorbei. Unvermittelt erzählte er was er in der Pause erlebt hatte. Meist waren es Sachen bei denen er sich verletzt hatte oder bei denen ihn jemand ungerecht behandelt hatte. Die äußere Ordnung und die Regeln des Morgenkreises konnte er nicht einhalten, da er sehr stark von seinem eigenen Empfinden geleitet wurde. Es beeindruckte ihn sehr, wenn er oder jemand sich verletzt oder etwas „Gemeines“ getan hatte. Er kam kaum darüber hinweg und die Unterrichtsinhalte gingen an ihm vorbei oder er erzählte „vor sich hin“ oder kontaktete seinen Nachbarn. Ein Verhalten, das für viele Lehrer sehr herausfordern war, denn Fin kam seinem Arbeitspensum kaum nach und verpasste viele Lerninhalte „obwohl er es eigentlich konnte.“ Fin hatte eine gute Intelligenz, und fand er Minuten der inneren Ruhe, meist wenn die Lehrerin sich Zeit nahm um seine Anliegen zu besprechen, machten ihm die Aufgaben auch Spaß. 

Ich hatte die Möglichkeit mit Fin eine Diagnostik zu machen, die ergab, dass der Schock über den Tod seines Vaters, der sich plötzlich während der Ferien im Wohnwagen ereignet hatte, ihm noch „in den Gliedern“ steckte. Fin war zu diesem Zeitpunkt vier Jahre alt. Seitdem streckte er ständig seine „Fühler“ (Seh-und Hörsinn) aus, um zu schauen ob sich nicht wieder etwas Schlimmes ereignete, wovor er sich schützen müsste. Das heißt sein Hauptinteresse lag im Scannen seiner Außenwelt. Fin hatte eine kluge Lebensstrategie entwickelt, er trainierte seine Sinne so, dass ihm in seiner Umgebung nichts mehr entging. Das gab ihm Sicherheit „auf alles vorbereitet“ zu sein. Für den Schulalltag war diese Strategie aber gar nicht mehr zielführend. Denn lernen konnte er nur, wenn er in einem fast statischen, beruhigenden und sicheren Arbeitsrahmen war. 

Diese Situation ist im Klassenraum kaum gegeben. So fing ich an mit Fin verschiedene Übungen aus der Teschler Lernförderung zur Konzentration zu machen. Angefangen haben wir mit dem „Autofahren“, einer Körperhaltung die auch Teil der KonzCoach Ausbildung ist. Es fiel ihm lange Zeit sehr schwer dabei zu bleiben, da die Übungen genau dort ansetzten wo die Unruhe sitzt. Doch mit der Zeit entwickelte er den Ehrgeiz „gegen“ mich zu gewinnen und konnte so immer länger in der Haltung bleiben. Die Körperhaltungen sorgten zunehmend für körperliches Selbstvertrauen und mehr Selbstsicherheit.

Nach einem Schuljahr regelmäßigen Übens mit verschiedenen Körperübungen häufig in der Kleingruppe, hat sich Fin gemausert. Er schafft es inzwischen viel besser dem Unterricht zu folgen und seine Dinge zu verfolgen. Er strahlt sogar inzwischen, wenn er merkt, er arbeitet selbstständig! Seine Leistungen in Mathe sind gut, im sprachlichen Bereich durchschnittlich. Fin erzählt inzwischen häufiger von seinem Vater, was er vorher überhaupt nicht getan hatte. Fin wollte unbedingt KonzCoach werden, weil er es klasse findet, wenn es „drinnen ruhig ist“ und er was schafft. „Das können andere auch gut gebrauchen- das finde ich schön“ so Fin (8 Jahre) Originalton.

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